Gibt es analoges Leben im Digitalen?

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Patrick Bailly-Mâitre-Grand, „Anneaux d’eau“ (Teil einer Serie von 5 Bildern), 1997

Rückblick auf einen Ausstellungssommer. In Straßburg im Musée d’Art Moderne et Contemporain war und ist noch (bis zum 19. Oktober 2014) Patrick Bailly-Maiître-Grand mit der Ausstellung „Colles et Chimères“ zu sehen. Keine Kunstfotografie, aber auch keine Kunst mit Fotografie, sondern eher eine fotografische Ergründung des Fotografischen als Kunst. Seit Beginn der 1980er Jahre experimentiert Bailly-Maître-Grand mit den chemischen Verfahren der Bilderzeugung und lotet deren bildgenerierende Möglichkeiten aus. Ein in der Ausstellung gezeigtes Video eröffnet einen Blick in die Dunkelkammer, der Verfahren wie die Solarisation oder Viragierung anschaulich erklärt. Angesichts der Bandbreite der Bildergebnisse ist die Selbstbeschränkung auf photochemische Verfahren hervorzuheben, die auf faszinierende Weise indexikalischen und ikonischen Realitätsbezug mit der (Eigen)Dynamik der technischen Verfahren zusammenbringen. Die Ankündigung der Ausstellung findet es denn angesichts des technisch verfremdeten Blicks nötig klarzustellen, dass der Künstler „l’empreinte du réel de l’analogique […] «l’emprunt au réel» du numérique“ vorziehe, das es sich also nicht um digitale Bilder handelt. Das zeigt an, wie sehr sich die Bedeutung dieser Form der fotokünstlerischen Praxis verändert hat, seit das digitale Bild in wenigen Jahren die analoge Fotografie – ähnlich wie die CD die LP – zu einem nostalgischen Vorhaben gemacht hat. Einen Zug ins Nostalgische zeigen schon Bailly-Maître-Grands Arbeiten aus den 1980er Jahren, die Viragierung und Daguerreotypie wiederbeleben, heute jedoch etwas angejahrt, wenn nicht gar kitschig wirken. Heute reicht schon das Festhalten an den schwarz-weißen Silbersalzen, um die Vergangenheit zu beschwören, die Vergangenheit eines Mediums, dessen historische Diversität in der Vielfalt der gezeigten Arbeiten gespiegelt und aufgegriffen wird (einen guten Überblick gewinnt man durch die Website des Künstlers – die uns dann doch digitale Abtastungen  des Analogen liefert).

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Foto aus der rekonstruierten Diaperformance „The Expansion of the Sun“, Neue Nationalgalerie, Berlin, August 2014

Wie markant solch dezidiertes Festhalten am Analogen doch ist, zeigt ein historisierendes Ausstellungsprojekt dieses Sommers, die Rekonstruktion einer „Dia-Performance“ des diesen Sommer verstorbenen Zero-Künstlers Otto Piene, die ursprünglich in bescheidenem Rahmen 1967 in New York aufgeführt wurde. In der Neuen Nationalgalerie in Berlin wurde also bis zum 31.08. allabendlich im umgebauten Foyer „The Proliferation of the Sun“ vorgeführt. Mit Fotografie hat dies zunächst nichts zu tun, da die mehr als 1000 Dias, die Piene nutzte, vom ihm selbst handgemalt waren. Doch lässt sich das Berliner Rekonstruktions-Projekt gut mit der Straßburger Ausstellung zusammenbringen, denn, dass es sich nicht um die Originaldias handelte, sondern um Scans war leicht zu sehen, wenn man sich durch den Raum der Performance bewegte und sich den Projektionsflächen näherte. Die gemalten Flächen lösten sich dann in ein kantiges Farbraster auf. Noch markanter war aber die Beschallung – nicht so sehr die aufgezeichneten Anweisungen Pienes an die Bediener der Projektionsapparate, sondern das rhythmische Klicken des Diatransports in den Karrussell-Projektoren, das den digitalen Beamern, deren Lüftung nur leise rauschte, als analog anmutender Klang beigegeben wurde. Mehr noch erschien dieser hier nur re-inszenierte simulierte technische Rückgriff auf die Diaprojektion als eine befremdliche Zeitreise, in der die Digitalisierung dazu genutzt wird, um sich selbst scheinbar auszulöschen (als wohltuender Kontrast ist hier Raimund Kummers Installation νόστος – ἄλγος anzuführen, die sich nur dem Rauschen und Leuchten der Projektoren widmete). Wie also kann man das Analoge würdigen unter der Vorherrschaft des digitalen Bildes?

 

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