#Selfie – Tagung steht vor der Tür

#selfie headerDer Hype um das Selfie, der Ende 2013 einsetzte, mag mittlerweile abgeebbt sein, doch nur um Platz zu machen für eine nachhaltige publizistische Beobachtung in nach wie vor hoher Intensität. Immer wieder gibt es Anlass Selfies zu thematisieren. Eine aktuelle Recherche bei Spiegel-Online ergibt etwa, dass der Begriff in mittlerweile 150 Beiträgen (Stand, 06.04.2015) auftaucht, deren erster am 15.06.2013 publiziert wurde. Zuletzt ging es um die Selfiesticks, deren Mitnahme in Fußballstadien und Museen vielerorts verboten wurde. Währenddessen konnte man erfahren, dass in Manila ein Museum eröffnet hat, das eigens für Selfie-Posen mit – reproduzierten – Kunstwerken errichtet wurde. Und zum 1. April wurde die Mär von einem Selfie-Schuh in die Welt gesetzt, der man angesichts der zahlreichen Selfie-Innovationen fast zu glauben geneigt war. Auch wenn es vielleicht nicht zum Selfie-Schuh kommen wird: Selfies are here to stay. Und das meint vor allem als gesellschaftlich relevant erachtetes Thema, wobei die Praxis selbst, wie André Gunthert nachgewiesen hat, sehr viel weiter zurückreicht – bis zur Etablierung der ersten Camphones um das Jahr 2000.

Anlass genug also, sich auch abseits von der tagesaktuellen Berichterstattung der Massenmedien mit dieser Form digitaler Fotografie auseinanderzusetzen. Am 23. und 24. April findet am Institut für Medienwissenschaft der Philipps-Universität Marburg, organisiert von Julia Eckel, Sabine Wirth und Jens Ruchatz, die vermutlich erste wissenschaftliche Tagung statt, die sich ausschließlich diesem Gegenstand widmet (oder zumindest eine der ersten). Ziel der Tagung ist eine erste Bestandsaufnahme, um zu erarbeiten, was das Selfie überhaupt ausmacht. Um das Selfie zu konturieren, verfolgt die Tagung eine Doppelstrategie: Zum einen gilt es aufzuzeigen, inwiefern sich in der Bildpraxis typische Züge des Selbstporträts, der Knipserfotografie und auch der Online-Kultur manifestieren; zum anderen sollen vor diesen medien- und kulturgeschichtlichen Vergleichsfolien die Spezifika des Selfies herausgearbeitet werden.

In fünf Sektionen soll der Leitfrage nachgegangen werden: Das erste Panel beschäftigt sich mit der bildtheoretischen Einordnung des Selfies, fragt nicht zuletzt, ob es sich hier überhaupt um ein Porträt im eigentlichen Sinn handelt. Das zweite Panel bemüht sich um Vergleichsfolien, indem es nach Vorläufern solcher Selbstdarstellungen in den technischen Bildmedien sucht. Das dritte Panel beschäftigt sich mit dem Themenbereich, der in der internationalen Forschung im Vordergrund steht, den Politiken des Selbst in der Netzwerkgesellschaft. Das vierte Panel schaut medientheoretisch interessiert auf die Dispositive der Bildherstellung und Präsentation, in die Selfies eingebettet sind. Das letzte Panel untersucht schließlich die Ausdifferenzierung und Genrefizierung des Selfie, die sich als Merkmal der Netzwerkkultur hier idealtypisch niedergeschlagen hat.

Den Keynote-Vortrag wird der französische Fotografieforscher André Gunthert halten, der sich aus dezidiert bild- und fotografiebezogener Perspektive schon mehrfach mit dem Selfie beschäftigt hat (z.B. hier, hier und hier). Ziel seines Abendvortrages wird es sein darzulegen, inwiefern sich im Selfie die Debatten um die Netzwerkkultur verdichten – und was dies mit der verzögerten gesellschaftlichen Wahrnehmung der Bildpraxis zu tun hat.

Neben Vortragenden aus Deutschland werden weiterhin Sprecher aus Österreich, Italien, den Niederlanden, Israel, den USA und Kanada teilnehmen.

Organisatorische Informationen finden Sie hier. Um sich über die Inhalte und das Programm zu informieren, nutzen Sie gerne auch das Abstractbook.

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